„Ein gutes Leben ist die beste Antwort“

20. April 2015

Dönhoff Lesung.jpgAm Donnerstag, dem 16.04.2015, las Friedrich Dönhoff in der vollbesetzten Mensa für die Schüler der KS I und II aus seiner Neuerscheinung „Ein gutes Leben ist die beste Antwort.

Die Geschichte des Jerry Rosenstein" Der Hamburger Autor lernte Gerald Rosenstein, genannt Jerry, durch Zufall kennen. Die ungewöhnliche Lebensgeschichte des 86-Jährigen, der im Alter von 16-18 Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert war und später nach Amerika auswanderte, ließ ihn nicht mehr los. Im Sommer 2013 unternahmen die beiden eine gemeinsam e Reise an Orte aus Jerrys Vergangenheit. Den vielen Erinnerungen, die auf dieser Reise wachgerufen wurden, gab Friedrich Dönhoff in seiner Biographie, aus der er am Donnerstag Ausschnitte las, einen Platz.

„Muss das sein? Schon wieder das Thema „Nationalsozialismus?" „Was bringt mir so eine Lesung denn?" So skeptisch äußerten sich manche Schüler im Vorfeld, als sie von der geplanten Lesung erfuhren. Im Nachhinein befragt, hatten sich die Bedenken zum Glück zerschlagen und nicht wenige zeigten Interesse, den kompletten Text zu lesen. Die Geschichte eines Gleichaltrigen, dessen Leben so plötzlich aus aller Alltäglichkeit gerissen wird, geht nah. Ausschlaggebend hierfür war sicher, dass Dönhoff die Vita Rosensteins nicht als Ansammlung von Grausamkeiten präsentiert, sondern zeigt, wie es einem Menschen gelingt, sich trotz all der erfahrenen Härte und Bitterkeit nicht das Recht nehmen zu lassen, ein gutes Leben zu führen.

Dönhoff Lesung Schüler.jpgDoch bevor konkret aus Rosensteins Leben erzählt wurde, musste zunächst einmal geklärt werden, wen man mit dem Autor überhaupt vor sich hat. Dönhoff ist beim Schreiben grundsätzlich in zwei Welten zu Hause: Er verfasst Biographien und Kriminalromane. Sowohl der Krimiautor als auch der Biograph fragen danach, wie sich Menschen in besonderen Situationen verhalten. Mit dem 1927 geborenen Gerald Rosenstein lernt der Leser einen Menschen kennen, der sich gezwungenermaßen schon in vielen Extremsituationen befand. Besonders eindrücklich gelingt es dem Autor, dies zu zeigen, indem er die Geschichte des Überlebenden mit einem Blick auf normale, noch unbelastete Alltagsszenen der frühen Kindheit beginnen lässt: Die Vorfreude auf den sonntäglichen Käsekuchen nach dem Besuch der Synagoge, Schlittenfahren mit den Nachbarjungen, Spaziergänge mit Hund Bruno. Der erste Einbruch, anhand dessen sich Historisches und Privates unheilvoll mischen, ereignet sich 1933: Bereits errungene Freiheiten werden ohne Erklärung zurückgenommen. Der 6-jährige Jerry darf nicht mehr ohne Kindermädchen allein auf die Straße gehen. Es heißt, es sei zu gefährlich, aber ein Grund dafür wird nicht genannt. Die Eltern flüstern hinter dem Rücken der Kinder, der Vater hält sich öfter in Amsterdam auf. Während die angesichts der zunehmend antisemitischen Hetze verängstigten Eltern die Ausreise nach Holland vorbereiten, lässt sich der 8-jährige Jerry 1935 bei einer Ansprache Hitlers in Bensheim, dem Wohnort der Rosensteins, von der Begeisterung der mitlaufenden Massen erfassen und berichtet später seiner Mutter von dem Ereignis. Die Ohrfeige, die er sich daraufhin einfängt, brennt noch lange nach.

Als sich die Situation in Deutschland immer mehr zuspitzt, reisen die Rosensteins nach Amsterdam aus. Nicht unweit der Familie Anne Franks leben sie für einige Zeit unbedroht auf niederländischem Boden. Mit dem Einmarsch der Deutschen in Holland ist auch diese Freiheit dahin: Die Familie sitzt in der Falle. Es dauert nicht lange, bis der älteste Sohn abtransportiert wird. Er wird das Konzentrationslager Ausschwitz mit anderen jüdischen Häftlingen erbauen. Nach der Fertigstellung werden alle hingerichtet. Die Familie erhält eine Karte aus dem Lager: „Mir geht es gut. Wir arbeiten viel. Euer Hans" Heute kaum vorstellbar, ist der Name „Ausschwitz" damals noch kein Begriff. Herr und Frau Rosenstein denken und hoffen, ihrem Sohn möge es tatsächlich gutgehen. Wenige Zeit später trifft es auch sie: Vater, Mutter und Jerry werden ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Jerry ist zu dem Zeitpunkt etwa so alt wie die meisten der KS I Schüler im Publikum.

„Wie sieht es bei euch aus? Haben einige von euch noch Großeltern, die über 80 sind? Redet ihr mit ihnen über die Zeit damals?", fragte Dönhoff die Schüler im Anschluss an die Lesung. Die Antworten zeigen, dass durchaus einige im Raum innerhalb der jeweils eigenen Familie nachfragen. Denn, wie ein Schüler bemerkt, rückt „das, was im Unterrichtsgeschehen gefühlt weit entfernt ist, bei der Familienbefragung näher." Frau Gulde, der Organisatorin der Veranstaltung, ist es als Geschichtslehrerin ein Anliegen in einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen aussterben, Erinnerungskultur zu pflegen. Als sie entdeckte, dass Dönhoff sich im April für eine Lesereise im Raum Stuttgart aufhält, war ihr klar, dass man sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen konnte. Dass die Lesung dann gerade am Holocaust-Gedenktag stattfinden konnte, erwies sich rückblickend als sinnstiftende Koinzidenz. Seit 1951 wird in Israel am 27. Nissan, der dieses Jahr nach dem jüdischen Kalender auf den 16.4. fiel, mit einem staatlichen Gedenktag (Jom Ha-Shoa) an die Opfer des Holocaust erinnert. Zahlreiche Veranstaltungen finden statt, damit die Schoa bei der jüngeren Generation nicht in Vergessenheit gerät. Einen aktiven Beitrag zur Erinnerungskultur leisteten Friedrich Dönhoff und die rund 150 Oberstufenschüler und -schülerinnen während der 60-minütigen Lesung und im anschließenden Gespräch mit dem Autor ohne Zweifel. Friedrich Dönhoff ist sich sicher: „Jerry wird sich freuen, zu hören, dass so viele seine Geschichte gehört haben. Ihm ist wichtig, dass nicht vergessen wird."

 

Einen herzlichen Dank an Herrn Dönhoff für die gelungene Lesung und Frau Gulde für die Organisation der Veranstaltung.

Die Bilder sind von Christopher Gulde.

 

Von: U. Stiens



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Kategorie: Tagebuch